Bistum plant drastische Einschnitte

Katholische Kirche will jede zweite Immobilie aufgeben / Bischof: Gemeinden sollen mitentscheiden
Hildesheim. Die katholische Kirche steht vor gewaltigen Umbrüchen: Nach einer Prognose sinkt die Zahl der Katholiken im Bistum Hildesheim, das den Osten Niedersachsens umfasst, von derzeit 580 000 bis zum Jahr 2050 auf nur noch rund 300 000. Gemeinden überaltern, die Zahl der Priester und der Gottesdienstbesuche geht zurück, die Volkskirche alten Schlages erodiert.

Vor diesem Hintergrund plant das Bistum drastische Einschnitte: Es will in den kommenden zehn bis 15 Jahren etwa die Hälfte seiner rund 1400 Immobilien aufgeben. Zu der Diözese gehören derzeit alleine 399 Kirchen und Pfarrzentren, 265 Pfarrheime und 251 Pfarrhäuser. Dazu kommen unter anderem noch Kitas, Jugendeinrichtungen und 111 weitere Wohngebäude.

„Sakralbauten nicht im Zentrum“
„Im Mittelpunkt steht dabei, wie wir angesichts unserer Ressourcen in Zukunft das Evangelium verkünden können“, sagte Bischof Heiner Wilmer jetzt im Gespräch mit der HAZ. „Da müssen wir uns auch die Frage stellen, wie viele ehemalige Kaplanswohnungen oder Garagen wir in der Fläche tatsächlich brauchen.“ Eine Aufgabe von Kirchen sei nicht in größerem Umfang beabsichtigt, versichert Wilmer: „Sakralbauten werden dabei nicht im Zentrum stehen.“ Seit dem Jahr 2000 hat das Bistum etwa 65 Kirchen profaniert und zuletzt auch die Schließung von Bildungshäusern beschlossen.

Innerhalb der kommenden zwei Jahre sollen die Pfarreien einen „Prozess der Vergewisserung“ durchlaufen. Dabei soll geklärt werden, welche personellen Ressourcen sie haben, wie diese zu den Immobilien vor Ort passen und ob es nicht sinnvoller ist, Räume anzumieten oder etwa gemeinsam mit evangelischen Gemeinden zu nutzen. „Wir wollen die Menschen vor Ort einbinden“, sagt Wilmer, „die Gemeinden sollen selbst beurteilen, welche Gebäude sie künftig brauchen.“

Kalkuliertes Abschmelzen
Es geht bei dem Abbau überständiger Immobilien um ein kalkuliertes Abschmelzen: Der schrumpfenden Kirche sind ihre Kleider zu groß geworden, jetzt sollen sie enger gemacht werden. Allerdings macht das Bistum den Gemeinden eine Reihe von Vorgaben für den Immobilienprozess. So sollen die Pfarreien eine schriftliche Vereinbarung mit dem Bistum schließen und feste Projektgruppen gründen, die das Generalvikariat in Hildesheim unterstützt.

Nur dort, wo ein „engagierter Prozess“ binnen 24 Monaten erfolgreich abgeschlossen werde, wolle das Bistum weiter finanziell in die Gebäude investieren, heißt es in der Broschüre „Zukunftsräume“, die das Bistum veröffentlicht hat. „Wo keine oder nur geringe Energie für Prozesse sichtbar wird, zieht sich das Bistum aus der Finanzierung der Gebäude zurück.“ Dann müssten die Gemeinden in Eigenregie dafür sorgen, dass ihre Bauten erhalten bleiben.

Die Kirche will sich fit machen
Es gehe bei der Immobilienreform darum, die Kirche mutig fit zu machen für die Zukunft, sagt Bischof Wilmer. Im Bistum gebe es rund 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Caritas und etwa 1400 Religionslehrerinnen und -lehrer. „Das sind wichtige Ressourcen bei der Verkündigung des Glaubens“, sagt er. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass viele Menschen sich danach fragten, was sie im Leben trägt und ihnen Hoffnung gibt. „Leer stehende Pfarrheime, wie es sie an einigen Orten gibt, gehören sicher nicht dazu.“

Artikel aus der HAZ: 03.05.2021 von Simon Benne

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