Passionsweg zum Johannesevangelium

 

Passionsweg zum Johannes­evangelium

Anders als beim üblichen Kreuzweg orientiert sich dieser Passionsweg am Johannes­evangelium. Dieser Text wird auch in der Karfreitags­liturgie vorgelesen. Die Stationen entsprechen nicht jenen des üblichen Kreuz­weges, er lädt aber auch schon während der Fastenzeit ein zur persönlichen Betrachtung.

Nehmen Sie sich etwas Zeit und Ruhe, gestalten sich die Umgebung eventuell mit einer Kerze und einem Kreuz.

Zum Abschluss können Sie noch ein „Vaterunser“ beten.

Gute Andacht

1. Station: Jesus wird ausgeliefert und verhaftet.

Evangelium: Joh 18,1–5.12f
Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, auf die andere Seite des Baches Kidron. Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein. Auch Judas, der Verräter, der ihn auslieferte, kannte den Ort, weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammengekommen war. Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen. Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es.

Die Soldaten, ihre Befehlshaber und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest, fesselten ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; er war nämlich der Schwiegervater des Kajaphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.

Meditationstext
Garten – eigentlich ein friedlicher Ort, ein vertrauter Ort für Jesus und seine Jünger. Diesmal ist es anders. Der Ort des Friedens und der Ruhe wird zum Ort der Wende. Nicht Judas liefert Jesus aus. Jesus selbst ist Herr über sein Geschick. Er weiß, was mit ihm geschehen wird. Er gibt sich ganz in den Willen des Vaters. Er selbst überliefert sich – mit jenen Worten, die den Gottesnamen in sich tragen: Ich bin (es).

Gefesselt wird er abgeführt – wie ein gefährlicher Verbrecher. Die Gegner in der Überzahl und bewaffnet. Das Licht ihrer Fackeln und Laternen kann die Finsternis nicht erleuchten. Das einzige Licht, das in die Finsternis der Welt kam, soll nun ausgelöscht werden.

 Zum Nachdenken
Auch in unserer Zeit gibt es viele Menschen, die ausgeliefert werden: an ungerechte politische Systeme, an unzumutbare Arbeitsbedingungen, an Armut und Elend.
In einer kurzen Stille denke ich an diese Menschen.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du willst das Wohl aller Menschen. Du hast uns auf die helle Seite dieser Erde gestellt. Hilf uns, dass wir die Verantwortung, die daraus erwächst, wahrnehmen. Mach uns erfinderisch im Kampf gegen eine ungerechtere Welt. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der sich für die Seinen festnehmen ließ.

 

2. Station: Jesus wird von Petrus zum ersten Mal verleugnet.

Evangelium: Joh 18,15–18
Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Hof des hohenpriesterlichen Palastes. Petrus aber blieb draußen am Tor stehen. Da kam der andere Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, heraus; er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein. Da sagte die Pfört­nerin zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er antwortete: Nein.
Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.

Meditationstext
Zwei Jünger folgen noch nach. Nachfolge hat aber ihre Grenzen. Petrus bleibt zuerst draußen. Der andere Jünger holt ihn hinein in den Hof – ein wenig näher heran ans Geschehen. Ein Kohlenfeuer brennt. Am Kohlenfeuer ist es warm. Während Petrus sich am Feuer wärmt, ist der Meister der Kälte seiner Gegner ausgesetzt. Am Kohlenfeuer ist es warm. Man könnte es sich hier gemütlich machen. Die ganze Sache könnte aber zu heiß werden. Man könnte sich daran die Finger verbrennen. Am Kohlenfeuer ist es warm. Welche Temperatur hat es im Inneren? Kann das Feuer auch das Herz erwärmen? Das Innere scheint zu erkalten, Angst breitet sich aus, dringt immer weiter vor, vergiftet die Solidarität, lässt Mitgefühl erstarren. Aus Vertrautheit wird Distanz. Aus Nachfolge wird Verleugnung. Die Wärme des Kohlenfeuers – eine trügerische Idylle.

Zum Nachdenken
Aus unserer geschichtlichen Vergangenheit wissen wir, wohin Angst und Verleugnung führen können. Auch heute gibt es Situationen, die unseren Mut und unsere Solidarität brauchen: Tausende Menschen fliehen vor Krieg, Hunger und unmensch­lichen Systemen. Die Angst der Fliehenden trifft auf die Angst der Etablierten. Angst schafft Gräben. Angst verhindert Offenheit. Angst lähmt Kreativität. Angst ist ein schlechter Berater.
Ich halte eine Weile inne und mache mich meiner eigenen Ängste bewusst.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du kennst unsere Ängste und unsere Begrenztheit. Lass uns unsere Ängste überwinden. Schenke uns dazu deinen Geist, damit wir mutig neue Visionen für ein friedliches Miteinander entwickeln können. Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Bruder, der den Mut hatte, deinen Weg zu gehen.

 

3. Station: Jesus wird vom Hohepriester Hannas verhört.

Evangelium: Joh 18,19–24
Der Hohenpriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen. Warum fragst du mich? Frag doch die, die mich gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; sie wissen, was ich geredet habe.
Auf diese Antwort hin schlug einer von den Knechten, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Redest du so mit dem Hohenpriester? Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich? Danach schickte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.

Meditationstext
Verhört werden, Rechenschaft ablegen, zu dem stehen, was Sache ist, in aller Offenheit sprechen, keine Geheimnis­krämerei, keine Hintertürchen, nicht nur dort, wo nichts zu verlieren ist.
Prophetisch sein ist angesagt, Unrecht beim Namen nennen, vor den Mächtigen nicht schweigen, auch Rück-Schläge einstecken, Rechenschaft ablegen und Rechenschaft fordern für begangenes Unrecht, aufrecht stehen und aufrichtig sein.

Zum Nachdenken
Viele große Worte werden heute gemacht: Wozu und wem dienen sie? Wer steht als Mensch ganz hinter einer Sache und wer gebraucht sie für den eigenen Vorteil?
Menschen geraten in Unrechtssysteme, weil andere Menschen das offene Wort scheuen. Die großen Worte sind oft nicht mehr als leere Worthülsen.
Ich halte einen Augenblick inne und überlege, wann ich das Wort ergreife und meine Meinung vertrete – auch gegen die Meinung anderer.
Und wo schweige ich trotz besseren Wissens?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, Jesus hat uns aufgetragen, dass unser Ja ein Ja und unser Nein ein Nein sein soll. Wir bitten dich um deinen Geist, damit wir das rechte Wort zur rechten Zeit finden und unsere Stimme erheben. Darum bitten wir dich durch deinen Sohn Jesus Christus, dein Mensch gewordenes Wort.

4. Station: Jesus wird von Petrus zum zweiten und dritten Mal verleugnet.

Evangelium: Joh 18,25–27
Simon Petrus aber stand (am Feuer) und wärmte sich. Sie sagten zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete und sagte: Nein. Einer von den Dienern des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte, sagte: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen? Wieder leugnete Petrus und gleich darauf krähte ein Hahn.

Meditationstext
Petrus wärmt sich. Immer noch sucht er die Wärme am Feuer. Hat er kalte Füße bekommen? Kann Herzenskälte sich hier lösen? Er leugnet – dreimal insgesamt.
Einen Freund verleugnen, die Vergangenheit leugnen, die eigene Geschichte nicht annehmen, Geschehenes vergessen wollen …

Aber nur im Hinschauen und Annehmen, im Erinnern und Reflektieren kann Unterscheidung erfolgen. Ein Hahn kräht, bringt die Vergangenheit zurück, erinnert an ein Gespräch mit Jesus, erinnert Petrus an ein großes Wort: „Mein Leben will ich für dich hingeben!“, erinnert an Jesu Antwort: „Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Ein Hahn kräht und kündigt den Morgen an. Ein neuer Tag bricht an. Kann in Petrus etwas neu aufbrechen? Kann Petrus neu aufbrechen?

Zum Nachdenken
Manchen Dingen aus unserer Vergangenheit haben wir den Rücken gekehrt. Daran wollen wir nicht mehr erinnert werden. Wir wollen sie nicht anschauen, vergessen, was war. Aber unsere Vergangenheit gehört zu uns.
Ich halte eine kurze Stille und schaue auf meine Vergangenheit, die mich geprägt hat. Welche Ereignisse tauchen auf?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du schaust mit liebevollem Blick auf uns. Du allein kannst in deiner Güte und in deinem Erbarmen unser Versagen wandeln und unsere Bruchstücke zu einem Ganzen zusammen­fügen.
Schenke auch uns Augen der Barmherzigkeit für das Versagen anderer. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der uns nicht Knechte, sondern Freunde nennt.

5. Station: Jesus wird zu Pilatus gebracht.

Evangelium: Joh 18,28–32
Von Kajaphas brachten sie Jesus zum Prätorium; es war früh am Morgen. Sie selbst gingen nicht in das Gebäude hinein, um nicht unrein zu werden, sondern das Paschalamm essen zu können. Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen? Sie antworteten ihm: Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert. Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn doch und richtet ihn nach eurem Gesetz! Die Juden antworteten ihm: Uns ist es nicht gestattet, jemand hinzurichten. So sollte sich das Wort Jesu erfüllen, mit dem er angedeutet hatte, auf welche Weise er sterben werde.

Meditationstext
Ortswechsel von Kajaphas zu Pilatus. Jesus hin- und herge­schoben zwischen den Instanzen. Zuständigkeiten und Gesetze müssen genau beachtet werden: Wer ist rein und wer unrein? Wer geht hinein und wer kommt heraus? Wer ist im Recht und wer im Unrecht? Wer klagt an und wer verurteilt? Worin besteht die Anklage und wessen Gesetz muss angewendet werden? Die einen wollen die Verurteilung, die anderen keine Unannehmlich­keiten. Die einen können nicht, die anderen wollen nicht.
Mitten drinnen Jesus ohne Schuld. Jedoch das Todesurteil steht schon fest, die Anklage muss noch gefunden werden – aber dafür gibt es findige Köpfe.

Zum Nachdenken
Auch heute gibt es immer noch zahlreiche Regimes, die unbequeme Kritiker einfach eliminieren lassen. Manche Menschen verschwinden einfach von der Bildfläche – wer nach ihnen sucht, ist ebenfalls ge­fährdet, spurlos zu verschwinden. Manche Regimegegner werden mit quasi legitimem Todesurteil getötet, andere werden ermordet aufgefunden. Dazu gehören auch Menschen, die für ihren christlichen Glauben eintreten und Unrechtsstrukturen aufzeigen.

Ich denke an all diese Menschen, die dafür sterben müssen, weil sie gegen die herrschenden Macht­strukturen ihre Stimme erheben – und halte eine kurze Stille.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du berufst bis heute Menschen, die sich für das Reich Gottes in Gefahr begeben und ihr Leben riskieren. Wir bitten dich: Sei du mit ihnen und zeige uns Wege, wie wir helfen können, diese mutigen Zeugen zu unterstützen und ihr Schicksal öffentlich zu machen. Uns selbst stärke darin, dass wir unseren Glauben da leben, wo du uns hingestellt hast. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der Zeugnis für dich abgelegt hat in dieser Welt.

6. Station: Jesus wird von Pilatus verhört.

Evangelium: Joh 18, 33–38
Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt? Pilatus entgegne­te: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier. Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit?

Meditationstext
Pilatus und Jesus, der eine an der Macht, der andere wirkmächtig, das Königtum ist angefragt; damit verbunden Macht, Ansehen und Würde. Reich und Regierung, Krieg und Militär, Repräsentation und Schein. Jesu Königtum bürgt für eine andere Qualität, kommt von einer anderen Welt, existiert ohne Kampf und Machtanspruch, bringt Zeugnis für die Wahrheit gegen allen Schein, deckt auf und offenbart den wahren König. Nur wer in der Wahrheit lebt, versteht das Wort, der andere verharrt in der Frage: Was ist Wahrheit?

Zum Nachdenken
Trotz Demokratie hat auch unsere Gesellschaft ihre „Könige“: Menschen in Machtpositionen, Firmenbosse, politische und kirchliche Führungspersonen. Diese Positionen werden verschieden ausgeübt: um andere zu ermächtigen, sie zu stärken und ihre Entwicklung zu fördern oder aber um andere klein zu halten und als Handlanger für Eigeninteressen zu missbrauchen. Ich denke kurz nach, welche Könige in diesem Sinn mir einfallen. Vielleicht gibt es auch einen Be­reich, wo ich selbst „König“ bin. Wie gehe ich hier mit meiner Macht um?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, dein Reich ist ein Reich der Liebe und des Friedens. Schenke uns die Erkenntnis, wo wir gegen die Regeln dieses Reiches leben, und stärke unsere Fähigkeiten, diese Spielregeln mehr und besser zu lernen, damit dein Reich unter uns spürbar wird. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der durch seine Liebe alle an sich zieht.

7. Station: Jesus wird gegeißelt und als König verspottet.

Evangelium: Joh 19,1–5
Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln. Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht. Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen. Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch!

Meditationstext
Spott und Hohn – bloßgestellt und verlacht, Schläge ins Gesicht schmerzen.
Noch mehr schmerzen Verletzungen der Seele, zur Schau gestellt, öffentlich lächerlich gemacht werden. Ein Mantel – sonst Schutz, hier Anlass zum Spott.

Kronen und Kränze –sonst Ehrenzeichen, hier Symbol der Erniedrigung, kein Lorbeerkranz sondern eine Dornenkrone.

Seht, da ist der Mensch. Ist das der Mensch? Nein. Da ist das Opfer und dahinter steht der Unmensch: entwürdigend, demütigend, erniedrigend und verletzend. Was muss geschehen, dass auch die Menschwerdung der Unmenschen beginnen kann?

Zum Nachdenken
Ich halte eine kurze Stille und denke an die Opfer unserer Welt und unserer Gesellschaft: an die Opfer von Kriegen und Terror, an die Opfer von Umweltkata­strophen, an die Opfer unserer Konsumgesellschaft, an die Opfer seelischer Grausamkeit und Lieblosigkeit. Ich denke aber auch an die Menschen, denen ich selbst nicht die ihnen zustehende Würde und Achtsamkeit schenke.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, seit alters her stehst du auf der Seite der Opfer und Verlierer und sprichst ihnen das tröstende Wort zu.
Entzünde in uns die Leidenschaft, für die Opfer unserer Welt aufzustehen und für sie aktiv zu werden – in der Stimme, die wir für sie erheben, in unserem Tun und Handeln, in unserem Helfen und Teilen.
Rüttle uns auf aus Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit, damit wir mitwirken an der Menschwerdung der Menschheit.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, der uns zur Liebe auffordert.

8. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt.

Evangelium: Joh 19,13–16aAuf diese Worte hin ließ Pilatus Jesus herausführen und er setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf Hebräisch Gabbata, heißt. Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König! Sie aber schrien: Weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde.

Meditationstext
Verurteilen, sich zum Richter über andere machen, kurz ist oft der Weg vom Urteil zur Verurteilung –besonders dort, wo die Masse instrumentalisiert wird, wo Populisten mit Wut- und Hetzparolen polarisieren, die Ohren der Herzen verstopfen mit Pfropfen der Angst, den Verstand irreführen mit Lügen und falschen Statistiken.
Das Individuum Mensch geht auf in der wogenden und tobenden Menge, eingelullt in einer verlogenen Solidarität, gegen ein hausgemachtes Feindbild. Mahner werden abgemahnt, ihre Stimme verhallt ungehört im Lärm der Parolen, ihre Botschaft prallt ab am Schulterschluss der Masse. Wer dagegen standhält, hat einen guten Stand, der weiß sich fest verwurzelt in der zu Grunde gehenden Liebe Gottes.

Zum Nachdenken
Ich halte inne und denke nach, wo es in unserer Gesellschaft gefährliche Massenbewegungen gibt, die eigenständiges Denken und Urteilen mit billigen Pauschalurteilen ausschalten möchten. Und wo bin ich selbst in Gefahr, mich von falschen Propheten instrumentalisieren zu lassen?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du allein kennst uns Menschen bis ins Innerste. Nur du weißt, wie wir wirklich sind, was uns antreibt, ängstigt und lähmt. Erwecke in uns die Einsicht, dass jeder Mensch ein Bild von dir ist.
Lass uns nicht von einzelnen Handlungen auf den gesamten Menschen schließen und mach uns wachsam für Strukturen, die Sündenböcke und Feindbilder erschaffen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, der immer den Menschen in die Mitte gestellt hat.

 

9. Station: Jesus trägt sein Kreuz nach Golgota.

Evangelium: Joh 9,16b–17
Sie übernahmen Jesus. Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt.

Meditationstext
Jesus trägt sein Kreuz –
allein und ohne Hilfe
bis hinauf an den vorläufigen Endpunkt,
der zugleich Anfangspunkt wird. Jesus trägt sein Kreuz
im Wissen um den Sinn seines Weges,
im Vertrauen auf den Vater,
in der Liebe zu den Menschen,
in der Treue zu seiner Sendung,
in der Hoffnung auf den Geist.

Wer ein Kreuz tragen muss ohne diese Voraussetzungen, wird scheitern an der scheinbaren Sinnlosigkeit, wird verzweifeln an der Einsamkeit, wird enden in der Hoffnungslosigkeit. Selig die Kreuztragenden, die sich aufgehoben wissen in der letztlichen Treue Gottes!

Zum Nachdenken
Ich halte inne und denke an Menschen, die im Moment ein schweres Kreuz zu tragen haben – vielleicht auch an mein eigenes Kreuz.
Ich schicke ihnen ein stilles Gebet und stellen sie unter den Segen Gottes.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du hast uns nicht den Himmel auf Erden versprochen, sondern ein Leben in Fülle. Dazu gehören auch Leid und Kreuz.
Wir bitten dich, gib uns und allen Menschen, die im Moment Schweres zu tragen haben, den langen Atem und die nötige Kraft, damit wir unser Ziel erreichen und damit gestärkt weitergehen können.
Führe uns auf unserem Weg, der letztlich in deinen Armen endet. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der uns vorausgegangen ist, um für uns Wohnungen bei dir zu bereiten.

10. Station: Jesus wird gekreuzigt

Evangelium: Joh 19,18–22
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus. Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden. Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst. Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.

Meditationtext
Festgenagelt am Kreuz, in Gemeinschaft mit zwei anderen,
Todesurteile sind an der Tagesordnung.
Kurzer Prozess, kein langes Fackeln, das Urteil steht, die Schuld endlich – festgeschrieben in den damaligen Sprachen, als Mahnung und Abschreckung.

Und doch: auf dem Schild
hoch oben
über dem Kopf Jesu,
gleichsam als Über-Schrift,
leuchtet hier die Wahrheit auf,
schreit ihre Botschaft hinaus.

Erhöht am Kreuz
legt sie für Jesus nochmals ungewollt Zeugnis ab:
Jesus Christus, König der Juden!
Der Gesalbte, der Messias.
Seine Henker werden unfreiwillig zu Verkündern seiner Sendung.
Pilatus‘ Frage nach der Wahrheit
findet hier ihre Antwort –
niedergeschrieben und bestätigt
von ihm selbst.

Zum Nachdenken
Ich verweile etwas bei dem Gedanken, unfreiwillig einer Sache zu dienen – im Guten wie im Bösen. Fallen mir Beispiele ein, in denen ich das auch heute nachvollziehen kann? Habe ich das selbst schon einmal erlebt?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du weißt um den letzten Sinn aller Dinge. Nur du kennst den Gesamtplan deiner Schöpfung und ihres Zieles.
Wir bitten dich: Nimm uns dort in deinen Dienst, wo es um die Entwicklung einer menschlicheren Welt geht.
Lass uns aber auch rechtzeitig erkennen, wo wir für falsche Zwecke instrumentalisiert werden. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der uns in die Nachfolge gerufen und seinen Beistand verheißen hat.

11. Station: Jesu Vermächtnis an seine Mutter und an den Jünger, den er liebte.

Evangelium: Joh 19,25–27
Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Dann sagte er zu dem Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Meditationstext
Nicht von Klage oder Tränen ist die Rede,
sondern von einem klaren letzten Willen.
Der am Kreuz Erhöhte hat noch eine Botschaft bereit, eine letzte Verfügung vor seinem Gang zum Vater:
Die Mutter bekommt einen neuen Sohn,
den Lieblingsjünger
der geliebte Jünger bekommt eine neue Mutter,
Jesu Mutter.

Die Verwandtschaftsverhältnisse werden neu geklärt,
die Karten neu gemischt:
Familie als Gemeinschaft der Glaubenden anstelle von Blutsverwandtschaft.
In ihr sind alle einander wie Mutter, Sohn und Tochter,
Vater, Bruder und Schwester.

Im neuen Bund eingezeichnet in den Stammbaum Jesu alle an Christus Glaubenden. Blutsverwandtschaft wird ersetzt durch Beziehungsgemeinschaft –
Liebesgemeinschaft.

Zum Nachdenken
Ich halte ein wenig inne und denke nach, mit wem ich durch unseren Glauben verwandt bin. Welche
Menschen sind mir besonders wichtig für meinen Glauben? Wem fühle ich mich verwandt? Wer ist mir Bruder, Schwester, Mutter, Vater?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, durch den Glauben an dich und an Jesus, deinen Sohn, sind wir alle deine Söhne und Töchter – und untereinander Geschwister.
Wir bitten dich: Stärke unseren Familiensinn für die christliche Gemeinschaft, damit wir füreinander Sorge tragen, einander den Rücken stärken und die Lasten des Alltags gemeinsam meistern.
Und lass uns miteinander auch die Freuden feiern.

Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Bruder, der uns den Weg der Liebe vorgelebt hat.

12. Station: Jesus übergibt seinen Geist.

Evangelium: Joh 19,28–30
Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäß mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

Meditationstext
Jesus –seine Stunde ist gekommen.
Seine Stunde ist da.
Die Schrift erfüllt sich.
Bis zuletzt
ganz Herr der Ereignisse,
königlich souverän.

„Es ist vollbracht.“

Der irdische Weg Jesu hat sich vollendet.
Das Mensch gewordene Wort Gottes wird zum Vater erhöht.
In der Treue zu seiner Sendung
kehrt er zum Vater zurück.

Seine Stunde ist gekommen,
und sie ist Verherrlichung,
Vollendung.

Es ist vollbracht.

Zum Nachdenken
Ich halte eine kurze Stille in dankbarem Gedenken an Jesu Erhöhung zum Vater. Seine Liebe zu den Menschen vollendet sich in der Hingabe seines Lebens für seine Freunde.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, in deiner Güte hast du deinen Sohn in die Welt gesandt, damit durch ihn die Welt gerettet wird.
Wir bitten dich: Wende unseren Blick immer wieder auf den erhöhten und auferstandenen Christus, damit wir gestärkt durch den Glauben an Jesus Christus die Freude und Liebe leben können.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, der für uns Weg, Wahrheit und Leben geworden ist.

 

13. Station: Jesu Seite wird mit einer Lanze durchbohrt.

Evangelium: Joh 19,31–34
Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag. Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.

Meditationstext
Gekreuzigt und gestorben
der Körper leblos am Kreuz
das Lamm Gottes
Hände und Füße durchbohrt
kein Bein wird zerschlagen.
Seine Seite durchbohrt
von der Lanze eines Soldaten.
Blut und Wasser fließen,
lassen Leben ahnen.

Wasser
Christus das lebendige Wasser,
Lebensquell für uns
in seinem Weggehen
aus dem irdischen Bereich
in den göttlichen Bereich.

Blut
Blutsbruderschaft
ein neuer Bund
gestiftet auf ewig
zu unserem Heil

Zum Nachdenken
Ich halte eine kurze Stille und denke an meine Beziehung zu Jesus. Wer ist Jesus für mich? Wie nenne ich ihn? Welche Titel gebe ich ihm?

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, du hast dich uns in Jesus hautnah gezeigt. Durch ihn hat deine Liebe zu uns Hand und Fuß und eine Stimme bekommen.
Wir bitten dich: Lass uns nie los und hole uns immer wieder zu dir zurück, wo wir uns selbst verlieren im Dickicht des Alltags.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, der uns Bruder geworden ist.

14. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in ein Grab gelegt.

Evangelium: Joh 19,38–42
Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab. Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist. An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war. Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.

Meditationstext
Josef von Arimathäa
ein heimlicher Jünger
ängstlich und furchtsam
zugleich mutig.

Er geht zu Pilatus
bittet um den Leichnam Jesu.

Ein letzter Dienst für den Rabbi
ein jüdisches Begräbnis –
zusammen mit Nikodemus.

Der leblose Körper
fremd und doch vertraut
nochmals zärtlich gesalbt
mit wertvollen Ölen
der Duft flüchtig
letzte Berührung
hautnah.

In Leinenbinden eingewickelt
hineingebunden auch die Erinnerungen
die Freude und den Schmerz

ins Grab gelegt
begraben auch die Hoffnungen
die Erwartungen und die Träume.
Noch ahnen sie nicht
dass dies der Beginn
einer neuen Wirklichkeit ist
die ihre zerbrochenen Hoffnungen
und ihre begrabenen Träume
bei Weitem übertreffen wird.

Zum Nachdenken
Ich halte eine kurze Stille und denke an einen verstorbenen Menschen, den ich jetzt in der liebenden Gegenwart Gottes weiß. Ich erinnere mich dabei an einen besonderen Augenblick einer Begegnung, an einen Satz, eine Geste, ein Lächeln, das er oder sie mir geschenkt hat.

– kurze Stille –

Gebet:
Barmherziger Gott, wir vertrauen darauf, dass du uns alle zu einem erfüllten Leben berufen hast, das du in einem ewigen Leben bei dir vollenden wirst.
Wir bitten dich: Lass uns aus dem Glauben an dieses Geschenk unseren Alltag leben und die Freude darüber an andere weiterschenken.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren auferstandenen Bruder, der immer in unserer Mitte ist, wo zwei oder drei sich versammeln

Zusammengestellt: Angela Heinemann

Kontaktinformationen

Kath. Pfarrgemeinde
St. Oliver
Pestalozzistrasse 24
30880 Laatzen

Öffnungszeiten:

  • Montag, Dienstag und Freitag 9.00 – 12.00 Uhr
  • Mittwoch 15.00 – 18.00 Uhr

0511 98290-0