Warum ich (noch) katholisch bleibe

Die römische Kirche ist moralisch bankrott, auch tief gläubige Menschen gehen auf Distanz. Gibt es überhaupt noch Gründe, in ihr Mitglied zu sein? Eine sehr persönliche und schmerzhafte Gewissenserforschung von HAZ-Redakteur Simon Benne.

In dem Ort, in dem meine Großmutter lebte, gab es zwei Schlachter. Einen guten und einen schlechten. Meine Großmutter kaufte prinzipiell nur bei dem schlechten Schlachter ein. „Weil der von unserer Fakultät ist“, wie sie sagte. Der schlechte Schlachter war katholisch, wie sie. Wie wir. Einer von uns. Religiöse Minderheiten sind oft intelligenter als die Mehrheit. Sie müssen ständig reflektieren und rechtfertigen, was sie tun, weil dieses ja nicht selbstverständlich ist. Bei allem, was sie machen, beobachten sie sich gleichzeitig auch selbst von außen.Wenn ich als Kind bei der Fronleichnamsprozession Blumen streu- end durch die Straßen von Laatzen ging, immer vor der Monstranz her, war mir zugleich klar, dass meine evangelischen Schulfreunde am Straßenrand standen und ich ihnen später erklären musste, was ich da tat. Minderheiten sind sich ihrer selbst bewusst. Das ist ein Vorteil. Der Nachteil ist, dass sie dafür beim schlechteren Schlachter ein- kaufen müssen. Denn Minderheiten – wie wir praktizierenden Katholiken in Hannover – bezahlen für ihren naturgemäß großen Zusammenhalt manchmal einen hohen Preis. Wenn man sie kritisiert, schließen sie die Reihen gegenüber den anderen. Je heftiger die Angriffe der Mehrheit gegen sie sind, umso dichter. Sie bilden eine Wagenburg, in der sie sich gegenseitig bestätigen, dass sie trotz allem recht haben. Manchmal erblinden sie dabei.

Geschlossene Wagenburg
Der katholischen Kirche konnte seit Jahrzehnten jeder Depp gefahrlos alles erdenklich Schlechte nachsagen. Er hatte immer den Segen der Mehrheit. Wenn in einem Krimi ein Priester auftaucht, kann man fest davon ausgehen, dass er der Mörder ist. In der Hackordnung der Glaubensgemeinschaften stehen wir schon lange eher im unteren Mittelfeld. Entsprechend geschlossen war die Wagenburg. Vielleicht ist es mir auch deshalb lange so schwer gefallen zu erkennen, dass bei uns tat- sächlich etwas Grundsätzliches nicht stimmt. Eine „sprungbereite Feindseligkeit“ attestierte Papst Benedikt vor Jahren einmal dem Rest der Welt gegenüber der katholischen Kirche. Ich sah das damals wie er. Jetzt spielt dieser Papst wieder eine Schlüsselrolle für mich – allerdings bei der demütigenden Erkenntnis, dass die vermeintlichen Feinde mit vielem einfach recht hatten. Ich selbst habe nach einer Phase jugendlichen Opponierens mit Mitte zwanzig zurück in den Schoß der Kirche gefunden. Dabei spielte Benedikt, damals noch Joseph Ratzinger, eine wichtige Rolle. Nicht, dass ich all seine konservativen An- sichten geteilt hätte, aber seine brillante „Einführung in das Christentum“ zu lesen war ein intellektueller Genuss. Als just dieser Joseph Ratzinger dann Papst wurde (und wir mit ihm), als die Massen ihn bei sei- nem Besuch in Köln 2005 feierten, war das ein triumphales Erlebnis. Jetzt muss ich erkennen, dass die Brücke, über die ich damals gegangen bin, sehr brüchig war. Mehr noch: Ich weiß nicht einmal mehr genau, wohin sie mich eigentlich geführt hat. Mich und viele andere Gläubige trifft diese Erkenntnis ins Mark: Unsere katholische Kirche ist moralisch bankrott. Wäre sie eine Firma, müsste sie jetzt Insolvenz anmelden. Sie ist nach vielen Skandalen und Verbrechen am tiefsten Tiefpunkt seit der Reformationszeit angekommen. Das Münchner Missbrauchs- gutachten hat nun auch ihre letzte Bastion geschleift, den Vatikan.

Ein Papst hat versagt
Ausgerechnet der hochgebildete Professor Ratzinger, einer der größten Gelehrten unserer Zeit, redet mit armseligen Argumenten sexuellen Missbrauch schön. Ausgerechnet der Mann, der immer auf eine vom Zeitgeist unabhängige Moral pochte, hat moralisch so kläglich versagt im Umgang mit eindeutigen Verbrechen. Ausgerechnet das langjährige Oberhaupt jener Kirche, die lehrt, dass Schuld echte Vergebung finden kann durch Reue und Buße, scheut ein klares Mea Culpa. Die Selbstdemontage dieses alten Man- nes ist ein Mitleid erregendes Schauspiel. Ich weiß, dass viele katholische Gläubige dieses innerlich so aufgewühlt verfolgen wie ich. So ähnlich muss es sich anfühlen, von einem geliebten Menschen betrogen zu werden. Man empfindet eine Mischung aus Demütigung und Scham, Enttäuschung und Empörung; man fühlt sich schlecht, ob- wohl man weiß, dass sich eigentlich die andere Seite schlecht fühlen müsste. Man steht selbst mit am Pranger. Nichtgläubigen ist kaum verständlich zu machen, welche Gewissheiten da ins Rutschen geraten. Man kann ihnen kaum erklären, wie das ist: Gottvater und Mutter Kirche waren bislang zwei liebe, unsichtbare Familienmitglieder, die immer mit an der Kaffeetafel gesessen haben. Und jetzt werden der Kirche ganz ungeheuerliche Dinge nachgewiesen.

Viel stärker noch als die evangelische Kirche ist ja die katholische ihrem Selbstverständnis nach ein Stück erlöste Welt. Eine Gemeinschaft der Heiligen. Sie ist, theologisch gesprochen, selbst der Leib Christi. Keine schnöde Verwaltungsorganisation, die man eben braucht, damit jemand dem Küster rechtzeitig das Gehalt überweist und die Sanierung des Kirchendaches fristgerecht in Auftrag gegeben wird. Das macht einen Teil ihrer Faszination aus. Weil das so ist, gerät mit ihrem Ruf aber auch gleich ein ganzes Glaubensgebäude ins Wanken.

Eine kirchliche Kernschmelze
Mittlerweile kehren auch tief gläubige Menschen der Kirche den Rücken. Diese erlebt eine Kernschmelze. Wenn in der Vergangenheit Studien vorhersagten, dass die Kirchen bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren würden, ging ich bisher fest davon aus, dass mein Platz selbstverständlich beim zusammen- geschrumpften Rest sein würde. In- zwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. Inzwischen treibt mich eine quälende, sehr existenzielle Frage um: Habe ich die ganze Zeit aufs falsche Pferd gesetzt? Ein verdorbenes System unterstützt, durch Kirchensteuer und persönliches Engagement? Zeit für eine gut katholische Gewissenserforschung. Als praktizierender Katholik nahm ich es hin, dass einige der besten jungen Priester in meinem Bekanntenkreis von der Fahne gehen mussten, nur weil sie sich verliebt hatten. Ich nahm es hin, dass ein Paar nicht getraut wurde, weil einer der Partner geschieden war. Ich tat die vielen Missbrauchsskandale zu lange als bedauerliche Einzelfälle ab und wollte nicht wahrhaben, dass ihre unbarmherzige Vertuschung System hatte.

Das Unbehagen wuchs eher schleichend. Aber es wuchs. Man muss ja kein Gendersternchen-Enthusiast sein, um zu sehen, dass die grundsätzliche und ganz offizielle Benachteiligung von Frauen zum Himmel schreit. Oder dass es keine vernünftige theologische Begründung dafür gibt, dem homosexuellen Paar von nebenan den Segen zu verweigern. So etwas ist Anmaßung. Nicht Gottesfurcht, sondern Selbstermächtigung.

Meine Zweifel sind gewachsen
Lange nahm ich diese Missstände in Kauf. Sich an ihnen zu reiben er- schien mir kleinkariert gegenüber dem alles überstrahlenden Mysterium des Glaubens und der Hoffnung, dass die Liebe den Tod über- wunden hat. Inzwischen zweifle ich daran, dass es richtig war, das eine gegen das andere abzuwägen.
Für mich war die katholische Kirche immer ein Gesamtkunstwerk, trefflich gefügt aus uralten Weisheits- lehren und wunderbarer Musik, aus Sinnlichkeit und Geist und guten Taten und Architektur, aus Philosophie und dem Bier auf dem Kirchhof beim Pfarrfest. Zu ihren Insignien gehören Heiligenbilder und -legenden, der Rosenkranz und die Messdiener, der Sankt-Martins-Umzug und die Knie- beuge vor dem Tabernakel, jenem kleinen Schrank am Altar, in dem Gott seinen Platz mitten in dieser Welt hat. Ob man all das mag, vom „Ave Maria“ bis zum Bekreuzigen mit Weihwasser, ist auch eine ästhetische Frage. Aber belanglos ist es nicht. Das alles sind keine Äußerlichkeiten. Das ist die Sprache, in der ich mit meinem Gott spreche. Ich habe keine andere. Das ist auch der erste Grund, warum ich der Kirche nicht einfach den Rücken kehren kann. Ich habe meine spirituelle Heimat in dieser Kirche, nirgendwo sonst.
Meine Liebe zu ihr ist ziemlich erkaltet. Und trotzdem: Ich könnte nicht aus der katholischen Kirche austreten, ohne aus mir selbst auszutreten. Ich werde es nicht verlernen können, den Geruch von Weihrauch zu lieben und das Kerzenmeer in der Oster- nacht. Das „Großer Gott, wir loben dich“ am Ende von Festgottesdiensten wird für mich immer ein Moment von majestätischer Erhabenheit sein.

Glaube kann frei machen
Ich spüre dabei eine Ahnung davon, dass es etwas gibt, das größer ist als wir Menschen. Dieses Gefühl macht den, der glaubt, sehr klein und zu- gleich sehr groß. Es relativiert alle Mächte dieser Welt, übrigens auch die Macht von Päpsten und Bischöfen. Der Glaube kann trotz allem immer noch ein Garant von Freiheit sein. Darauf will ich nicht verzichten.
Meine Loyalität zum Bodenpersonal hat inzwischen allerdings klare Grenzen, mein Vertrauen ist er- schüttert. Es gibt nur eine Möglichkeit, wie wir beide wieder zusammenfinden können, die katholische Weltkirche mit ihren 1,3 Milliarden Mitgliedern und ich: Die Kirche muss sich ändern. Das wird sie aber nicht, wenn alle weggehen, die so denken wie ich. Dann wird sie ein sektiererischer Haufen, in dem Fundamentalisten sich alles unter den Nagel reißen können, was mir heilig ist. Dies ist der zweite Grund, wes- halb ich bleibe, zumindest vorerst noch und unter Schmerzen. Mut macht mir, dass wir längst die Mehrheit stellen. Mittlerweile sogar vermutlich bis in die Reihen der deutschen Bischöfe hinein. In meiner Heimatgemeinde haben Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat kürzlich über die Erklärung „Segen für diese Welt beraten“ beraten, die Rechte für homosexuelle Paare einfordert. Beide Gremien haben zugestimmt, wohlgemerkt ohne eine einzige Gegenstimme.

Eine Weltkirche im Kleinen
Meine Gemeinde ist der dritte Grund, warum ich nicht austrete.
Die Basis ist ganz anders als die Kirche, über die ich in der Zeitung lese und schreibe. Dort lernen Kinder, dass es gut ist, als Sternsinger Menschen in armen Ländern zu unter- stützen. Sonntags sitzen dort wert- konservative Rentner neben jungen Flüchtlingen aus dem Irak. Die Ägypterin sitzt zwischen der polnischen Familie und den Italienern. Eine Weltkirche im Kleinen. Unsere Messfeier ist ja überall dieselbe, von Baden-Baden bis Bora-Bora. Es gibt etwas, das die Gläubigen über alle Grenzen von Sprache, Nation und sozialer Stellung hinweg verbindet. Wo findet man das sonst noch, außer im Fußballstadion?

Mein vierter Grund zu bleiben liegt in der Kirchengeschichte. Diese ist nämlich reich an Häutungen. Oft waren es gerade die anfangs Verfemten, jene von der Amtskirche skeptisch Beäugten, die sich später als Heilige und Er- neuerer entpuppten. Franz von Assisi, Katharina von Siena, Friedrich Spee – lang ist die Liste all derer, die revolutionäre Wege gingen und am Ende die abgewirtschaftete Kirche neu und besser erstehen ließen.

Ich habe mich nach heftigem Hadern entschieden, erst einmal an Bord zu bleiben. Aber eine dauerhafte Gewähr für meine Mitgliedschaft kann ich nicht mehr übernehmen. Dafür ist der Riss inzwischen zu groß. Unbefangen kann ich meiner Kirche nicht mehr begegnen. Ins vermeintliche Paradies führt kein Weg zurück. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so. Denn so wie bisher können wir nicht weitermachen. Diese Erkenntnis ist kein Verrat. Sie ist der einzige Ausweg, wenn die Kirche eine Zukunft haben soll.

Erschienen in der HAZ am 29.01.2022

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